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Ostern - Die lebendige Brücke

„Hey, Jim, gib mir mal den Hammer rüber! Ich muss hier den Fensterrahmen noch mal richtig festklopfen.“ – „Okay, Rick! Aber dann reicht’s auch mal. Wir haben eigentlich schon seit einer Stunde Feierabend. Die anderen sind alle längst zu Hause. Du und Bill und ich, wir drei sind wieder mal die einzigen, die noch schuften,“ grummelte Jim ein wenig missmutig.

bau.jpg Dann schleuderte er mit elegantem Schwung den schweren Hammer fast drei Meter weit zu seinem Freund Rick hinüber: „Hier, fang!“ Mit sicherem Griff fing Rick das Werkzeug im Fluge auf. Es machte ihm nichts aus, dass er sich dabei weit aus dem halbfertigen Fenster im 23. Stock des Hochhauses lehnen musste – fast 50 Meter gähnende Tiefe unter sich. Einen Augenblick dachte er amüsiert daran, dass Jim ihm vor Jahren in ähnlicher Höhe mal ein Butterbrot zugeworfen hatte, welches er allerdings nicht gefangen hatte. Unten war gerade ein ahnungsloser Passant entlangspaziert, dem dann plötzlich – flatsch! – das Butterbrot auf seinen Kopf geplumpst war! Gut, dass es damals kein Hammer gewesen war.

Aber heute würde Rick keinen Fehlgriff mehr tun. Er war längst ein echter Profi! Und Baustellen in schwindelerregender Höhe waren für ihn und seine Kumpel Jim und Bill auch nichts Ungewöhnliches mehr. Anfangs hatten auch diese harten Männer ein wenig Nervenkitzel verspürt, wenn sie auf schwankenden Gerüsten 60, 100 oder auch mal 300 Meter über dem Erdboden schwebten und weit unten die Menschen wie Ameisen entlang krabbelten und die Autos wie Spielzeugautos aussahen.

Aber inzwischen waren sie abgebrüht. Und ihre jetzige Baustelle war wirklich harmlos, fast ein wenig langweilig. Ein in ihren Augen geradezu bescheidenes Hochhaus, insgesamt kaum 70 Meter hoch. Irgendwo in Brooklyn, einem Stadtteil von New York, wo ja die anderen Hochhäuser um die Wette in unglaubliche Höhen klettern, um stolz die Wolken zu kratzen und dem Himmel ein Stück näher zu kommen.

Jim, Rick und Bill machten mal wieder Überstunden. Man sah es ihnen an, dass sie Bauarbeiter aus Leidenschaft waren: sonnengebräunt, immer in verschwitzten, ärmellosen Muskelshirts, wodurch ihre gestählten Oberarme voll zur Geltung kamen. Echte Pfundskerle, die drei! Verächtlich schüttelten sie den Kopf, wenn die anderen Kollegen punkt 17 Uhr ihr Werkzeug aus der Hand fallen ließen. Fast immer blieben sie länger. So auch heute – an diesem Tag, den sie nie mehr vergessen würden…

„Sag mal, Rick, findest du nicht auch, dass es merkwürdig riecht?“ fragte Jim seinen Freund ganz unvermittelt, während er begann, seine Sachen für den längst überfälligen Feierabend zusammenzupacken. – „Ach, Jim, geh daheim erst mal unter die Dusche, dann wird’s nicht mehr so merkwürdig riechen.“

„Quatsch, du Blödmann! Ich meine, es riecht irgendwie so, als ob was anbrennt.“ Jims Stimme klang leicht besorgt.

 {mospagebreak title=Es brennt!}

Plötzlich kam Bill aus dem Treppenhaus gestürmt. Er hatte dort an der Montage des Treppengeländers gearbeitet. In sein Gesicht stand das pure Entsetzen geschrieben: „Es brennt! Leute, es brennt! Von den unteren Stockwerken her zieht ein furchtbarer, beißender Qualm durch das Treppenhaus hoch. Wahrscheinlich hat’s in der Elektrik einen Kurzschluss gegeben und dann müssen sich irgendwelche Fässer mit Lacken oder Lösungsmittel entzündet haben.“

Rick blieb ganz cool. Er war der älteste und erfahrenste der drei. „He, Jungs, keine Panik! Das wäre nicht die erste brenzlige Situation, die wir gemeistert haben. Wir kriegen das schon hin. Lasst uns erst mal versuchen, ob wir den Brand nicht noch löschen können.“ Selbstsicher marschierte Rick Richtung Treppenhaus und öffnete die Tür. Sofort schlug ihm eine dichte, schwarze Rauchwolke ins Gesicht. „Zu dumm! Das sieht doch ganz schön übel aus. Hm, damit haben wir auch keine Möglichkeit mehr, in die oberen Stockwerke zu gelangen.“

Die drei sahen sich jetzt mit betretenen Mienen an. Sogar bei Rick machte sich eine gewisse Ratlosigkeit breit. Aber noch hatten sie den wahren Ernst der Lage gar nicht ganz begriffen. Fieberhaft überlegten sie, was zu tun sei. Jim hatte eine Idee:

Feuer, Flammen, Brand, lebendige Brücke Wir gehen zum Fahrstuhlschacht. Der Fahrstuhl ist noch nicht eingehängt, aber die Stahlseile sind schon montiert, vielleicht können wir uns daran abseilen.“ – „Gute Idee, Jim! Hätt’ ich dir gar nicht zugetraut, alter Knabe,“ flachste Rick und fügte mit breitem Grinsen hinzu: „Ich dachte bisher immer, du hast deinen Kopf nur, damit es nicht in den Hals reinregnet!“ – „Von mir aus könnte es jetzt gerne regnen,“ erwiderte Jim, „dann würden wir vielleicht nicht gar zu heiß gegrillt. Meine Frau sagt immer: Zu heiß grillen zerstört die Vitamine!“

„Hört auf mit den Späßen,“ mischte sich jetzt Bill ein, „wir müssen uns wahrlich beeilen.“ Und mit ein paar kräftigen Sprüngen waren die drei am Fahrstuhlschacht angekommen. Die Tür ließ sich nicht öffnen. Mit einer Brechstange schafften sie es dann doch, das Sicherheitsschloss zu sprengen.

Doch der Blick in die Tiefe ließ sie erstarren: Weit unten loderten hell die Flammen. Aber schon einen Augenblick später bemerkten sie, wie das Feuer in Sekundenschnelle im Fahrstuhlschacht vulkanartig in die Höhe schoss. Direkt auf sie zu. Ein regelrechtes Inferno! „Vorsicht! Zurück! – Schnell! Macht die Luke zu!“ schrie Bill, und sofort zogen die drei ihre Köpfe zurück und knallten die Türe zu. Puh! Gerade noch rechtzeitig. Denn durch den Luftzug der geöffneten Tür war der Fahrstuhlschacht in einen Kamin verwandelt worden, und es entwickelte sich ein so starker Sog, dass die Flammen in ihrer Gier nach Sauerstoff ganz nach oben rasten.

Allmählich dämmerte es den drei Männern: ihre Lage war ausweglos! Sie schlichen mit hängenden Köpfen zu den Fensterrahmen, an denen sie vorhin noch gebaut hatten und blickten in die Tiefe. Ob man irgendwie hinunter klettern könnte? Keine Chance! Es war das erste Mal in ihrem Leben, dass sie alleine nicht mehr weiterkamen. Bisher hatten sie alle Probleme aus eigener Kraft gemeistert. Und nun? Nun waren sie auf Rettung von außen angewiesen. Das war ihre einzige Möglichkeit.

 {mospagebreak title=Hilfe!!!}

Sie rissen sich ihre Hemden vom Leib, beugten sich so weit sie konnten aus den Fensteröffnungen und schrieen um die Wette: „Hilfe!!! Hiiiilfe! Rettet uns!“ Dabei schwenkten sie ihre Hemden. Ob sie jemand hörte? Ob jemand das Feuer bemerkte und die Feuerwehr alarmierte, und zwar rechtzeitig?

Dort unten auf der Straße sammelten sich tatsächlich einige Schaulustige. Sicher war die Feuerwehr schon unterwegs. Doch mit Entsetzen bemerkten Jim, Rick und Bill, dass das Feuer ihnen immer näher kam. Nun hatten die Flammen schon das Stockwerk direkt unter ihnen erfasst. „ Ach du Schreck!!“ Durchfuhr es Bill. „Wisst ihr eigentlich, dass im Stockwerk unter uns riesige Mengen Styroporplatten lagern, als Dämmstoff für die oberen Etagen?“

„Oh nein! Wenn die erst brennen, dann geht’s auch uns bald an den Kragen,“ dachten alle drei. Der Rauch, der schneller als das Feuer schon längst ihre Etage erreicht hatte, wurde immer unerträglicher. Laufend mussten die drei Männer husten. Wenn nicht bald Rettung nahte, waren sie verloren. Jeder dachte an das, was ihm das Liebste war. Jim sah seine Frau vor Augen. Übermorgen war ihr zehnter Hochzeitstag. Sie wollten zum Strand von Long Island. Rick dachte an seine beiden Töchter. Die kleine blonde Jane hatte in diesem Jahr Einschulung. Und seine Frau war mit dem dritten Kind schwanger. So sehr wünschte er sich diesmal einen Jungen! Bill war noch nicht verheiratet, aber frisch verliebt.

Alles aus? In den Augen dieser harten Männer schimmerten Tränen. Und die Schweißperlen auf ihrer Stirn kamen nicht nur von der immer stärker werdenden Hitze. Es war der Angstschweiß. Sie fühlten sich so ohnmächtig. Immer hatten sie nur auf sich selbst vertraut. Jetzt half ihnen das nicht mehr. Der Tod streckte unbarmherzig seine feurige Hand nach ihnen aus.

Plötzlich hörten sie von ferne das Heulen von Sirenen. Sie wurden lauter und lauter. Durch den dunklen Qualm hindurch konnten sie mehr erahnen als sehen, wie ein Feuerwehrauto um die Ecke des gegenüberliegenden Häuserblocks bog. „Hilfe! Holt uns hier heraus!“

Das Einsatzfahrzeug fuhr so dicht heran wie möglich, und schon sahen die drei voller Hoffnung, wie die Feuerwehrleiter ausgefahren wurde. Höher und höher. Durch den Lärm des Feuers hindurch klangen Stimmen wie: „Haltet aus! Wir sind gleich bei euch.“ Bis zum Äußersten gespannt beobachteten Jim, Rick und Bill, wie die rettende Leiter ihnen näher und näher kam. „Kann es denn nicht schneller gehen!“ zischte Bill vor sich hin. Nur noch gut zwei Meter trennten die Leiterspitze von jenem Fenster, an dem Rick vorhin noch nichts ahnend den Fensterrahmen festgeklopft hatte.

Doch was war das? Die Leiter stockte. Es ging nicht mehr weiter. Rick dachte an ein Versehen und schrie aus Leibeskräften: „He, weiter! Die Leiter reicht noch nicht! Hört ihr mich denn nicht? Ihr müsst die Leiter weiter ausfahren!“ Keine Reaktion. Die drei Männer schauten sich fragend an. Entweder, da unten waren ausgemachte Trottel am Werk oder… - der Schrecken packte sie - oder die Leiter war tatsächlich am Ende. Immerhin waren es ja an die 50 Meter bis zum Erdboden! Das darf doch nicht wahr sein! So kurz vor ihrer Rettung nun doch alles verloren. Konnten sie vielleicht bis zur Leiter springen? Das wäre glatter Selbstmord.

 {mospagebreak title=Die Rettung}

Jetzt gab es einen lauten Knall. Irgendein Benzinkanister war in die Luft geflogen. Das Feuer war nun bei ihnen angekommen. Die halbfertige Deckenverkleidung aus Kiefer brannte bereits lichterloh. Es knisterte und prasselte, und immer wieder brachen große brennende Brocken herunter. Es war den dreien so, als glühten ihre Körper bereits. „Ich halt’s nicht mehr aus,“ keuchte Bill, „es ist die Hölle!“

leiter.jpg Auf einmal hörten sie eine Stimme. Nicht weit weg, nicht von unten, nein, ganz nah. Sie versuchten angestrengt, durch den Qualm zu blicken. Die Augen brannten und juckten von den giftigen Dämpfen. Da! Wieder diese Stimme: „Wartet! Ich bin gleich bei euch!“ Und nun konnten sie etwas erkennen. Zunächst nur den Helm. „Captain John Carson“ stand darauf. Dann sahen sie ihn ganz, den Hauptmann dieses Feuerwehrkommandos, wie er mühsam die Leiter emporkletterte. Auch ihm machten Rauch und Hitze zu schaffen. Er stöhnte und keuchte. Aber wie konnte er denn helfen? Rick rief ihm verzweifelt zu: „Sir! Es reicht nicht! Die Leiter, die Leiter… Es reicht nicht…“ Nun war Captain John Carson schon fast an der Leiterspitze angelangt und konnte selber die Katastrophe erkennen. Gut zwei Meter trennten Tod und Leben, Verlorensein und Rettung. Er sah über sich die ängstlichen Gesichter der Todgeweihten und unter sich den gähnenden Abgrund.

„Hört zu, Männer,“ schrie Carson ihnen zu, „es gibt nur eine einzige Chance für euch.“ Die drei klebten mit ihren Blicken an diesem mutigen Captain in luftiger Höhe. „Es gibt nur einen Weg zur Rettung!“ fuhr er fort. „Wo ist dieser Weg?“ fragten die Verzweifelten. – „Ich bin der Weg!“ lautete die merkwürdige Antwort.

Und dann, dann stockte ihnen der Atem: sie sahen, wie Carson langsam – wie in Zeitlupe – in kühner Akrobatik freihändig bis auf die oberste Leitersprosse kletterte, seine Arme ganz weit nach oben und nach vorn ausstreckte und sich dann mit seinen Fingerspitzen an den Fensterrahmen klammerte.

„Ihr müsst jetzt über mich rüber klettern! Das ist eure einzige Rettung!“

Die drei zögerten. Sie blickten sich an. Gab es keinen anderen Weg? Ein Blick zurück, das Feuer hatte sie bereits eingeschlossen. Nein, kein anderer Weg als diese lebendige Brücke. „Aber das können wir doch nicht machen! Das halten Sie niemals aus, Captain!“ wandte Bill ein. „Mensch, zögere nicht länger!“ schrie ihm der Captain zu. „Lass deine Zweifel und wag es doch! Sonst bist du verloren, Mann!“

Bill hatte es als Erster kapiert. Es gab keine andere Chance. Vorsichtig kletterte er über den Fensterrahmen. Dem sonst so schwindelfreien Bauarbeiter wurde übel beim Blick in den Todesabgrund, alles drehte sich, er schloss kurz die Augen, wendete sich um und rutschte rückwärts vorsichtig den Körper des Feuerwehrhauptmanns hinunter auf die rettende Leiter. Geschafft! Jim und Rick sahen sich an. Wer war der Nächste? Noch einmal überlegte Rick: Es muss doch möglich sein, aus eigener Kraft hier aus dieser Feuerhölle zu entkommen. „Jim, geh du!“ – „Nein Rick, du! Du hast zwei Kinder und bald schon drei! Die brauchen…“ – „Beeilt euch doch! Hört auf zu diskutieren, ich kann mich nicht mehr lange halten!“ brüllte ihnen der Captain zu. Der stickige Rauch füllte ihm die Lungen, er jappste und hechelte nach Luft. Mit äußerster Kraftanstrengung krallten sich seine Finger in das Holz des Fensterrahmens.

Jim wagte es als Zweiter. Er rutschte über die lebendige Brücke in die Rettung. Nun noch Rick, der älteste von ihnen. Er kämpfte einen stillen Kampf: Noch nie war ich in meinem Leben auf die Hilfe eines anderen angewiesen, dachte er, immer hab´ ich alles aus eigener Kraft geschafft… Der Captain blickte ihn mit weit aufgerissenen, blutunterlaufenen Augen an und röchelte: „Schnell!“ Dann die Entscheidung: Ja, ich wag es! Und so gelang Rick als Letztem der Weg ins Leben. Einen Augenblick nachdem Rick die Rettungsleiter erreicht hatte und nun fest umklammerte, hörte er einen gellenden Schrei. Vor seinen Augen stürzte Feuerwehrhauptmann John Carson in die Tiefe.

 {mospagebreak title=Für mich!}

Kreuz, Opfertod, Jesus, lebendige Brücke Bei der Beerdigung drei Tage später saßen die drei Bauarbeiter mit ihren Familien und Hunderten Feuerwehrleuten in der Kapelle und weinten wie Kinder. Vor ihnen stand der Eichensarg. Darauf lag der Helm, völlig verrußt. Vom Namen waren gerade mal noch die Anfangsbuchstaben zu lesen: Captain J… C… Und jeder von den dreien dachte im Stillen: „Das tat er für mich. Er starb, 

damit ich leben kann.“

 

Kinder-Evangelisations-Bewegung in Deutschland e. V.
Zur Präsentation in der Kinder
stunde oder im Familiengottesdienst sind der Text und die Bilder auf einer CD erschienen und im Online-Shop der KEB erhältlich: www.keb-de.org